7. Januar 2026 | Heinz W. Süess (unterstützt durch KI)
Am 6. Januar 2026 war die Firma erstaunlich voll.
Heilige Drei Könige fiel dieses Jahr auf einen Dienstag, und irgendjemand aus dem HR hatte beschlossen, die alte Tradition wiederzubeleben: Königskuchen für alle Abteilungen. Ein kleines Zeichen von Normalität, nach allem, was passiert war.
Der Weihnachtsmann-Auftritt auf der Firmenfeier war offiziell „abgeschlossen“.
Inoffiziell sprach niemand mehr darüber – und gerade das machte viele misstrauisch.
Kurz nach neun Uhr brachte die HR-Praktikantin die Kuchenwagen durch die Stockwerke. Sie arbeitete erst seit vier Monaten im Unternehmen, war organisiert, höflich und zuverlässig. Niemand wunderte sich, dass sie die Verteilung übernahm. Sie hatte die Liste, sie kannte die Abteilungen.
Der HR-Kuchen wurde als Letzter ausgeliefert.
Da der Teamleiter noch in einem Meeting war, stellte sie den Karton kurz in der Teeküche ab. Zwölf Minuten, wie später rekonstruiert wurde. Niemand achtete weiter darauf.
Der Moment, in dem alles kippte
Um 10:17 Uhr verließ die erste Person aus HR hektisch den Raum.
Um 10:23 Uhr folgten zwei weitere.
Um 10:30 Uhr war klar: Das war kein Zufall.
Bauchkrämpfe. Schweiß. Durchfall.
Innerhalb einer Stunde war die komplette HR-Abteilung arbeitsunfähig.
Kein einziger Mitarbeitender aus anderen Abteilungen zeigte Symptome.
Der Kuchen wurde sichergestellt.
Der Lieferant überprüft.
Die Geschäftsleitung sprach von einem „bedauerlichen hygienischen Vorfall“.
Niemand glaubte das.
Die Auffälligkeiten
Schon am selben Tag fielen Kleinigkeiten auf.
Erstens:
Die Symptome waren unangenehm, aber harmlos. Kein Krankenhaus. Keine Vergiftung im klassischen Sinn. Ein Arzt sagte trocken:
„Das war präzise dosiert. Jemand wusste, was er tut.“
Zweitens:
Alle HR-Mitarbeitenden waren betroffen – bis auf eine Person.
Die Praktikantin.
Auf Nachfrage sagte sie ruhig:
„Ich hatte noch keinen Kuchen. Ich wollte später essen.“
Später stellte sich heraus:
Sie hatte gar keinen gegessen.
Drittens:
In einem Gespräch erwähnte sie beiläufig:
„Der HR-Kuchen stand ja bis kurz vor zehn noch in der Küche.“
Niemand hatte das offiziell gesagt.
Zu diesem Zeitpunkt war noch niemand krank gewesen.
Das Motiv
In den Tagen danach kamen Gespräche hoch, die vorher niemand ernst genommen hatte.
Die Praktikantin hatte in Meetings still zugehört, wenn HR über „Fälle“ sprach.
Über Kündigungen. Über den Weihnachtsmann-Vorfall.
Über die ehemalige Assistentin, die man intern als Einzeltäterin dargestellt hatte, um das Kapitel zu schließen.
Ein Satz von ihr fiel mehreren Kolleg:innen wieder ein:
„Wenn man lange genug zuhört, merkt man, dass manche Entscheidungen nichts mit Menschen zu tun haben.“
Kurz vor dem 6. Januar hatte sie ein internes Seminar besucht:
Arbeitsrecht, Haftung, Grenzen von Sanktionen.
Dort war auch über Substanzen gesprochen worden, die nicht als Gift gelten, aber dennoch Wirkung zeigen.
Der Fehler
Die entscheidende Szene spielte sich zwei Tage später ab.
Bei einer internen Besprechung sagte die Praktikantin:
„Natürlich wollte ich niemandem schaden. Es sollte nur zeigen, wie sich kollektive Entscheidungen anfühlen.“
Sie korrigierte sich sofort.
Aber da war es bereits gesagt.
Niemand hatte von Absicht gesprochen.
Niemand von Symbolik.
Nur sie.
Die Auflösung
Es gab keine Anzeige.
Keine offizielle Ermittlung.
Die Geschäftsleitung entschied, den Vorfall als „Lebensmittelzwischenfall“ zu archivieren. HR wurde neu strukturiert. Die Praktikantin verließ das Unternehmen wenige Wochen später – ihr Vertrag lief aus, kommentarlos.
Der Königskuchen wurde im nächsten Jahr gestrichen.
Nachhall
Manche sagten, es sei übertrieben gewesen.
Andere sagten, es sei notwendig gewesen.
Aber alle waren sich einig:
Das war kein Zufall.
Und kein Unfall.
Es war eine Botschaft.
So wie damals, an Weihnachten.
Nur diesmal ohne Bart.
Ohne Kostüm.
Und ganz eindeutig.